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Dienstag, 06.12.2011

Auch der Kopf muss trainiert werden

Das Thema ist nach den tragischen Verzweiflungstaten von Schiedsrichter Babak Rafati und Gary Speed aktueller denn je. Jeder Profi sollte sich mit dem Druck, den sein Beruf mit sich bringt, ehrlich und offen auseinander setzen.

Natürlich verspürt man im heutigen Profifußball Riesendruck, ist medial sehr belastet und beschäftigt sich oft auch privat rund um die Uhr nur mit diesem Thema. Du wirst auch abseits des Platzes nur als Fußballer wahrgenommen und musst dir ein Umfeld schaffen, dass dir hilft, mit dem Druck klar zu kommen. Bei mir ist es so, dass mir Familie, Freundin und Freunde großen Halt geben und drauf schauen, dass ich mich auch mit anderen Dingen neben dem Fußball beschäftige. Obwohl es nicht leicht ist, sich da auszuklinken.

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass es immer wichtiger wird, auch den Kopf zu trainieren. Wer sich im Profifußball auf höchstem Niveau durchsetzt, entscheidet sich meistens im Kopf. Daher befürworte ich den verstärkten Einsatz von Mentaltrainern und Sportpsychologen bei den Klubs, auch wenn das für viele leider noch immer einen fragwürdigen Beigeschmack besitzt. Ein Sportpsychologe kann helfen mit negativem Druck umgehen zu lernen und zusätzlich Optionen für bessere Leistungen eröffnen.

Ich habe da selbst bei der EM 2008 und im letzten Jahr bei Werder, als wir in den Abstiegskampf verstrickt waren, gute Erfahrungen gemacht. Man merkt, dass da viel Potenzial brachliegt. Mentaltraining hilft dir einfach mehr Selbstvertrauen aufzubauen und in schwierigen Situationen neuen Mut zu schöpfen. Auch in dieser Saison haben wir jederzeit die Möglichkeit mit einem Sportpsychologen zu arbeiten.

Ich weiß natürlich, daß Profifußballer einen tollen Job haben und privilegiert sind. Klar haben auch alle anderen in ihrem Beruf Druck und müssen regelmäßig ihre Leistung bringen. Der Unterschied ist aber der, dass du in einem „normalen“ Job nur von deinem Chef und deinen Vorgesetzten beurteilst wirst – als Fußballer stehst du im Brennglas der Öffentlichkeit und wirst von Millionen beurteilt, die dir positives oder negatives Feedback geben. Dazu kommt, dass ein Teil der Presse nicht immer fair und objektiv mit dir umgeht.

Und als Profi willst du dir ja auch selber gerecht werden, bist leistungsorientiert und willst dich jeden Tag verbessern. Wenn dann Rückschläge kommen, musst du damit umgehen können. Wenn man verletzt ist, gibt man sich selbst zu wenig Zeit, sondern will so schnell wie möglich zurückkehren. Sonst werden neue Spieler verpflichtet oder du musst um deine Vertragsverlängerung bangen. Fußball ist eben extrem schnelllebig.

Profifußball bedeutet Verzicht, hohe Disziplin und ständige Konfrontation mit der Konkurrenz. Oliver Kahn hat einmal gesagt: „Wenn du keinen Erfolg hast, geht die Öffentlichkeit gnadenlos mit dir um.“ Er hat Recht und konnte das im Fall von Sebastian Deisler aus nächster Nähe miterleben, der meinte, er kann nicht mehr und brauche dringend Hilfe.

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